Teil 2
Ich war von Othmar Karas während der letzten beiden Jahre zweimal angefragt worden, ob ich für ihn als Umweltsprecher der jungen Volkspartei arbeiten wolle, was ich auch zweimal abgelehnt habe, mit dem Hinweis, dass ich als stellvertretender Leiter von Greenpeace keiner politischen Partei angehören darf. Aber Othmar ließ nicht locker und fragte mich im Juli 1984 noch einmal und diesmal gab es keinen Grund ihm noch einmal abzusagen. Er richtete mir ein Büro im Palais Todesko in der Kärntnerstraße ein und ich war vorerst Umweltsprecher der Jungen Volkspartei in Österreich. Da es für die Volkspartei, abgesehen von Margit Flemming, der Umweltministerin, niemanden gab, der ein ähnliches Mandat gehabt hätte, war ich quasi für die ganze ÖVP für die Umwelt zuständig!
Kampf um Hainburg!

Eine meiner ersten Aufträge war, die Besetzung der Hainburger Au zu begleiten und (O-Ton Othmar Karas) mich „vor die Bagger zu werfen“. Zusammen mit Jörg Mauthe, der sich ebenfalls an vorderster Front an den Sternmärschen beteiligte, warf ich mich sozusagen, wann immer meine Zeit es erlaubte, (schließlich hatte ich einen anstrengenden Beruf mit teilweisen Doppelschichten), den ich natürlich nicht aufgeben konnte, da ich für die Umweltsprecher-Tätigkeit kein Geld bekam, vor die Bagger! Ziel war, in Österreich möglichst viele erhaltenswerte Flächen in Nationalparks umzuwandeln und ein Donau-March-Thaya-Nationalpark versprach in das Konzept der ökosozialen Marktwirtschaft des ÖVP-Vizekanzlers Riegler gut hineinzupassen.

Das ÖH-Alternativreferat verkündete verschiedene Punkte, die mir sehr bald zugetragen wurden:
Die naturschutzrechtliche Genehmigung des Kraftwerks Hainburg ist ein eindeutiger Gesetzesbruch, der von den Politikern gedeckt wird. Wir wollen mit gewaltfreiem Widerstand die Auwälder östlich von Wien vor der Zerstörung retten und dem Recht in Osterreich wieder Geltung verschaffen! Wir fordern:
* Aufhebung des widerrechtlich erfolgten Naturschutzbescheides
* Einleitung einer Untersuchung gegen Landesrat Brezovsky
* Schaffung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses und Einschaltung der Höchstgerichte
Wir wissen nicht genau, wann die Rodungsarbeiten beginnen, es kann jeden Tag so weit sein. Organisierte, unabhängige Gruppen, können ab Montag in die Hainburger Au fahren.Die Gruppen sollen bereits in Wien organisiert werden und während der Besetzung ständig zusammenbleiben.
Folgende Dinge sollen, wenn möglich mitgebracht werden: Warme Kleidung, Gummistiefel, Regenschutz; Wanderausrüstung, Zelte, Schlafsäcke, Biwaksäcke, ev. Decken, Proviant für mehrere Tage, wenn möglich ein eigenes Transportmittel.

Allgemein: am Hauptplatz in Stopfenreuth steht ein Bus.
Anlaufstelle mit allen Infos über Unterkunft, Situation an den Rodungsstellen, Nottelefonnummer, etc. für Gruppen ohne privates Transportmittel, Treffpunkt ist U-Bahnstation Kagran. Von dort geht ein Linienbus nach Stopfenreuth.
Zusätzlich werden alle PKWs mit freien Plätzen über U-Bahn-Station Kagran fahren und andere Personen mitnehmen.
Kontakt für Mitfahrgelegenheiten im Konrad-Lorenz-Volksbegehren (Tel_435938)
Weitere Kontaktstellen: WWF (Tel_269320), ÖH-Alternativreferat (346518/23}
42% DER ÖSTERREICHER HALTEN EINEN GEWALTFREIEN WIDERSTAND ZUR RETTUNG DER AUWÄLDER FÜR GERECHTFERTIGT! ! !
Es war also alles bestens durchorganisiert, um eine wirklich große Anzahl an Menschen nach Hainburg und vor allem an den Ort des Geschehens, in Stopfenreuth, zu bringen.
11.03.1985: Unterzeichnungsphase des Konrad-Lorenz-Volksbegehrens gegen den Kraftwerksbau und für die Errichtung eines Nationalparks; Ergebnis: 353.906 Unterschriften. 09.04. –05.11.1985: Die Bundesregierung setzt eine Ökologiekommission ein, die aus drei Arbeitskreisen besteht: Energie und Umwelt (Leiter: Peter Weiser), Donaugestaltung (Leiter: Jörn Kaniak), Nationalpark (Leiter: Bernd Lötsch). Die Ökologiekommission kann zu Beginn ihrer Arbeit schon auf erste Diskussionsergebnisse des Arbeitskreises „Nationalpark Donau-March-Thaya-Auen“ zurückgreifen, der sich im Rahmen des neuentstandenen „Forum Österreichischer Wissenschaftler für Umweltschutz“ gebildet hatte. Zuvor schon hatte das Auen-Büro des WWF wesentliche Punkte der wissenschaftlichen Argumentation gegen den Kraftwerksbau erarbeitet und im Oktober 1984 ein Nationalpark-Symposium veranstaltet. Das erste zusammenfassende Gutachten über „nationalparkwürdige Gebiete in der Länder Region Ost“ war 1982/83 im Auftrag der „Planungsgemeinschaft Ost“ erstellt worden. Die Ökologiekommission kommt zum Ergebnis: Die Erhaltung der Au hat gegenüber anderen Interessen Vorrang, die frei fließende Donau von Wien bis zur Marchmündung ist zu erhalten und das Konzept eines Nationalparks unverzüglich umzusetzen.
Mai 1985: Der mit dem Konrad-Lorenz-Volksbegehren initiierte Gesetzesantrag wird dem Nationalrat zugeleitet. Ein Beschluss des beantragten Gesetzes erfolgt nicht.
Juni 1985: Die Österreichische Donaukraftwerke AG präsentiert als Ersatz für das offensichtlich nicht realisierbare Kraftwerk Hainburg die Pläne für eine Staustufe Wien.
28.05.1986: Pressekonferenz im Presseclub Concordia zum offiziellen Start der von Umweltminister Franz Kreuzer ins Leben gerufenen Nationalparkplanung Donau-Auen (Verein zur Förderung und Planung des Nationalparks Donau-Auen) mit Bernd Lötsch als Präsident an der Spitze. Mitglieder sind u.a.: Österreichischer Alpenverein, Österreichischer Naturschutzbund, WWF, Forum Österreichischer Wissenschaftler für Umweltschutz
1.07.1986: Der Verwaltungsgerichtshof hebt die wasserrechtliche Genehmigung für das Kraftwerksprojekt Hainburg als gesetzwidrig auf.
11.06.1987: Statt einem Kraftwerk bei Hainburg soll nun laut Bundesregierung das Zweistufenprojekt Wildungsmauer-Wolfsthal II ins Auge gefasst werden.
30.03.1989: Wirtschaftsminister Robert Graf spricht sich für ein Stauprojekt bei Engelhartstetten aus, tritt jedoch kurz darauf zurück.
Im Mai 1989 fragte ich bei Marlies Flemming an, ob es vielleicht förderlich wäre, durch die Donauauen, zusammen mit wichtigen Regierungsmitgliedern in einer Zille durch die Donauauen zu fahren. Flemming hielt die Idee für gut und das Umweltkomitee des Bundesjugendrings organisierte diese Bootsfahrt:
18.05.1989: Umweltministerin Marilies Flemming, Landwirtschaftsminister Franz Fischler, Wirtschaftsminister Wolfgang Schüssel, Vizekanzler Josef Riegler und der NÖ Landeshauptmann-Stellvertreter Erwin Pröll sprechen sich in einer Zille bei Haslau an der Donau für die Priorität des Nationalparks vor weiteren Kraftwerken aus.
1989 – 1990: Bernd Lötsch und der Verein Nationalparkplanung Donau-Auen initiieren mit dem WWF unter Präsident Gustav Harmer die Aktion „Natur freikaufen“, um Au-Käufen der Donaukraftwerke AG zuvorzukommen.
Mit Hilfe einer mehrstündigen Live-Sendung des ORF am 26.10.1990 mit Prominenten wie Barbara Stöckl, Arnold Schwarzenegger und Reinhard Fendrich gelingt es, den fehlenden Betrag zum Schutzkauf der Regelsbrunner Au (411 ha) in einer einzigen Nacht aufzubringen. Die Kampagne wird von über 150.000 Menschen mit Spendengeldern auch aus der Schweiz, aus Deutschland und aus den Niederlanden unterstützt. Ich habe viele Stunden am Spendentelefon zusammen mit der Opernsängerin Eva Lind verbracht.

1984 Umweltsprecher der Jungen ÖVP Österreichs und 1985 Wahl zum Leiter des Umweltkomitees im Bundesjugendring
Natürlich war meine Tätigkeit als Umweltsprecher der Jungen Volkspartei mit meinem Engagement für den Nationalpark DMT-Auen nicht abgeschlossen, ich begleitete sämtliche vorher aufgezählten Maßnahmen zur Errichtung eines Nationalparks in diesem Bereich bis zur Eröffnung des Nationalparks.
Othmar Karas brachte mich in das Plenum des Bundesjugendrings, da er dort jemanden benötigte, der ihn im Vorstand vertreten konnte.
Der Vorstand des Bundesjugendrings bestand aus einem Vertreter der Jungen Volkspartei (Othmar Karas), der sozialistischen Jugend (Alfred Gusenbauer), der Gewerkschaftsjugend und der Katholischen Jungschar (Irene Heinisch). Im Plenum waren insgesamt 22 Jugendorganisationen vertreten, wie z.B. Evangelischen Jugend, Naturfreundejugend, Jungsozialisten, Hochschülerschaft, Pfadfinder und Pfadfinderinnen Österreichs, Österreichischer Pfadfinderbund, Alpenvereinsjugend, BundesschülerInnenvertretung. Diese Organisation sah sich als eine Art Jugendparlament, in dem regelmäßige Sitzungen abgehalten wurden. Es gab natürlich auch so etwas wie eine Schattenregierung, die in Form von Komitees, entsprechend den Ministerien im wirklichen Leben, zu allen Fragen der Politik die Meinung des Bundesjugendrings erarbeiteten. Noch 1985 wurde ich, nominiert von der Naturfreundejugend, der Jungen Volkspartei und der Katholischen Jugend, zum Leiter des neu gegründeten Umweltkomitees gewählt, war also so etwas wie ein „Jugendumweltminister“. Einer der Hauptgründe, ein Umweltkomitee beim Bundesjugendring einzusetzen, war die Nationalparkidee in Österreich zu fördern. Es entstand aus einem Arbeitskreis „Nationalpark Neusiedlersee“.
Die Erstellung eines Arbeitsprogramms für die nächsten Jahre war die dringlichste Aufgabe: Zum ersten Thema wählte ich „Schutzgebiete in Österreich“. Alle Komiteemitglieder einigten sich darauf, dass es zu möglichst allen typischen Landschaften in Österreich einen Nationalpark geben sollte. Als erstes wurde die Arbeitsgruppe Neusiedler See weitergeführt.
Ein wichtiges Thema Ende 1985 und im Frühjahr 1986 war das tschechoslovakisch-ungarische Gemeinschaftskraftwerk „Gabcicovo-Nagymaros“.
Schon vor der Gründung des Umweltkomitees hatte sich der österreichische Bundesjugendring gegen die Errichtung dieses Kraftwerk ausgesprochen. Ich versuchte jetzt mit Hilfe des Komitees herauszubekommen, in welcher Weise die österreichische Bundesregierung an diesem Projekt beteiligt ist und wie die Finanzierung dieses Milliardenprojekt vor sich gehen sollte. Durch meine Besuche von Pressekonferenzen ungarischer Donaukreismitarbeiter (Duna kör), Meldungen aus dem Bereich der Ökologiekommission und einem Besuch beim damaligen Finanzminister Franz Vranitzky, entstand für das Komitee ein recht klares Bild über die Unsinnigkeit dieses Projekts. Hier soll der ungarischen Bevölkerung, der damals keine freie Meinungsäußerung möglich war, ein Kraftwerk von riesigen Ausmaßen aufgezwungen werden, wie es in Österreich niemals durchzusetzen gewesen wäre. Das Geld dafür (vorläufig 1,5 Milliarden ÖS) wird von Österreich in der Schweiz aufgenommen, die Ausfallshaftung bei eventuellen Bauproblemen, übernehmen die österreichische Steuerzahler. Bauherr ist die DOKW, die damit das Problem Hainburg ins Ausland transferiert. Ein Gedächtnisprotokoll über meinen sehr aufschlussreichen Besuch beim Finanzminister, der mit einem Hinauswurf meiner Person, wegen meiner „zu detaillierten Fragen“, endete, war die Grundlage dieses Berichts. Später kam heraus, dass von Österreich eine Beteiligung an diesem Projekt von 8 Milliarden öS verlangt wurde. Da jedoch seit 1977 (dem offiziellen Baubeginn) aus Geldmangel praktisch keine Bautätigkeit von Seiten Ungarns zu erkennen war, war anzunehmen, dass Österreich auch die Restkosten von weiteren 16 Milliarden vorfinanzieren werde müssen. Österreich bekäme als Gegenleistung erst nach dem Jahr 2000 für einen Zeitraum von 24 Jahren eine noch unbestimmte Menge Strom geliefert. Es entstand damals der Eindruck, dass die österreichische E-Wirtschaft den Widerständen im eigenen Land auf fremdes Staatsgebiet ausweichen wollte. Doch auch in Ungarn gab es starke Widerstände von Seiten der Bevölkerung (über 10.000 Unterschriften aus der Gegend), die sich berechtigterweise vor einer Grundwassergefährdung entlang des 150 Km langen, mindestens 4,5 Meter hohen Staudamms fürchtete. Der Streit über dieses Kraftwerkprojekt dauert im Übrigen bis heute an und es ist noch immer nicht (2022) und wird auch nie in der 1977 geplanten Form verwirklicht werden. Im Juni 2017 schickte ein Vertreter der slowakischen Regierung einen Antrag an den IGH zum Abbruch des seit 1998 laufenden Verfahrens für eine zusätzliche Entscheidung. Die ungarische Seite erklärte im Juli 2017, dass sie dem slowakischen Antrag nicht widerspreche. Eine wesentlich kleinere Version wurde dann im Herzen von Zitny ostrov (Schüttinsel) im Donautiefland, wo sich das Dorf Gabčíkovo (etwa 60 km von Bratislava entfernt) befindet, als das größte Wasserkraftwerk der Slowakei eröffnet.
Gleich zu Beginn des Jahres 1986 wurde das Komitee von der Tagespolitik eingeholt. Die Ausarbeitung von Strategien zur Durchsetzung der vom Komitee erarbeiteten Nationalparkgebiete, wurden durch mehrere Aktionen zuständiger politischer Mandatare bezüglich Donau-March-Thaya-Auen und Neusiedlersee, gleich wieder über den Haufen geworfen. Arbeit gab es trotzdem genug, da die Begutachtung des Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetzes, die in mehreren Stufen durchgeführt wurde, hinzukam. In Gesprächen mit der Gewerkschaftsjugend wurden die letzten Unstimmigkeiten bezüglich des Textes ausgeräumt, so dass die Abstimmung sowohl im Komitee als auch im Vorstand einstimmig durchgeführt werden konnte.
Ende April, genau am 26. April 1986 bekam das Umweltkomitee die dringende Mitteilung, dass es in der vergangenen Nacht im Atomreaktor in Tschernobyl zu einem schwerwiegenden Atomunfall gekommen war und eine radioaktive Wolke von mehreren Trillionen Becquerel in die Erdatmosphäre freigesetzt worden war. Wegen der ungünstigen Wetterlage zu diesem Zeitpunkt, gehörte Österreich zu den am stärksten betroffenen Ländern.
Gerade um den 1. Mai, während der sozialistischen Maiaufmärsche im ganzen Land, sollte die Konzentration am höchsten sein. Mit Hilfe von Othmar Karas versuchte ich die Sozialisten dazu zu bewegen, in diesem Jahr auf den Maiaufmarsch zu verzichten. Nicht nur, dass dieses Ansinnen von den Sozialisten brüsk zurückgewiesen wurde, haben sie dann ihre Genossen nicht einmal ernsthaft davon in Kenntnis gesetzt!
Im Umweltkomitee wurde ein Papier diskutiert, das sich dagegen aussprach, Kernkraftwerke auch nur in der Nähe der österreichischen Grenzen zu dulden. Diese Resolution wurde vom ÖBJR-Vorstand in wesentlichen Teilen übernommen und beschlossen und ging in Form einer Presseaussendung an die Medien.
Anlässlich der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Bundeskanzler Franz Vranitzky von dem zurückgetretenen Fred Sinowatz, verfasste das Umweltkomitee anhand einiger Beschlüsse von Vollversammlung und Vorstand einen Brief an die Bundesregierung, in dem der Standpunkt des Bundesjugendrings in verschiedenen Umweltfragen dargelegt worden war und die Regierung zu diesbezüglichem Handeln aufgefordert wurde. Bedauerlicher Weise wurde dieser Brief vom sozialistischen Sekretär nie abgeschickt…
Am 9. und 10. August 1986 fand in Gols im Burgenland unter meiner Leitung eine Arbeitstagung statt, während der die Trasse der neuen Autobahn, sowie für den Nationalpark Neusiedlersee in Frage kommende Regionen besucht wurden.
Schon seit Mitte März arbeitete das Umweltkomitee zusammen mit dem Entwicklungspolitischen Komitee an einem Senegal-Projekt. Den Anfang bildete ein informelles Gespräch des 1. Sekretärs des ÖBJR, Reinhard Scheibelreiter, der Vorsitzenden des EP-Komitees und mir mit dem Planungsminister von Senegal. Unzählige Sitzungen mit dem EP-Komitee, ÖIE und Ökoinstitut bis November 1986 folgten. Die Hauptarbeit für das Umweltkomitee bestand in der Erstellung eines Diavortrags über Senegal, sowie der Erarbeitung eines Vergleichs der Umweltsituationen in Österreich und in der Sahel-Zone, also im Senegal.
Ende 1986 nahm ich an den Toblacher Gesprächen zum Thema „Mobilität und Verkehr“ teil, die auf die Umweltauswirkungen des Individualverkehrs auf die Alpenregion eingingen. Schrägerweise war ich der einzige Teilnehmer der Konferenz, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln und teilweise zu Fuß über die Felder angereist war. Trotzdem hätten die Toblacher Thesen richtungsweisend für die Zukunft sein sollen und es hätten uns diese, wären sie durchgesetzt worden, heute viele Diskussionen erspart:
TOBLACHER THESEN 1986
Mobilität und Verkehr Auswirkungen und Alternativen, besonders für Alpenraum und Tourismus
Die heutige Art der Mobilität ist Ausdruck unseres Lebens und Gesellschaftsform. Verkehr ist daher weit mehr als nur eine Transportfrage. Die Verkehrskrise spiegelt die Krise unserer Konsumgesellschaft wider.
Die negativen Auswirkungen des Verkehrs haben grenzüberschreitende Dimensionen angenommen und stellen, auch infolge des fortschreitenden Waldsterbens, insbesondere für den Alpenraum eine existenzielle Bedrohung dar.
These 1
Die menschliche Existenz ist abhängig von der Tragfähigkeit der Biosphäre. Die gegenwärtigen Umwelt-, Wirtschafts- und sozialen Krisen stellen uns vor die Wahl, entweder mit den Entwürfen von gestern in den Niedergang zu steuern oder aber kreativ offene Chancen zu nutzen. Dies gilt auch für das Problem Mobilität und Verkehr.
These 2
Verkehr heißt heute vorwiegend Autoverkehr. Das Automobil hat vielen mehr Ungebundenheit, Komfort und Reisefreude gebracht. Heute jedoch erkennen wir: diese Vorteile sind nicht grenzenlos erweiterbar, jenseits einer Schwelle kehren sie sich in eine Folge von Schäden.
Einige sind nicht mehr zu übersehen: Abgase lassen die Wälder dahinsiechen und gefährden die Klimastabilität, Straßen versiegeln lebenserhaltenden Boden, das Ausmaß des menschlichen Leids durch Verkehrsopfer ist untragbar. Von nicht minderer Auswirkung sind die weniger sichtbaren Gesundheitsschäden: Krebserkrankungen, Kreislaufstörungen, Erbschäden.
These 3
Die Siedlungen der Alpen und ihre Bewohner haben von der gewonnenen Mobilität zunächst profitiert: entlegene Dörfer werden zugänglicher, neue Einkommensquellen geschaffen und für jeden werden neue Möglichkeiten in Reichweite gebracht. Doch zeigt sich auch hier ein Widerspruch: je mehr das Auto unser Leben dominiert desto weniger können wir ohne Auto auskommen. Was einst als Befreiung begann, hat in einem Netz von Abhängigkeiten geendet.
These 4
Der Tourismus wurde vom motorisierten Verkehr geprägt: Für viele hat das Auto Abenteuer, Erholung und Landschaftsgenuss ermöglicht. Die Verallgemeinerung der Zugänglichkeit geht indessen einher mit der Verallgemeinerung der Zerstörung. Der Reisende schafft das wieder, wovor er flieht: Überfüllung, Asphaltierung, Zersiedelung und Umweltbelastungen. Motorisierter Tourismus sägt am eigenen Ast.
These 5
Durch den Bau der Autobahnen wurden die Alpenländer zum Transitkorridor zwischen Nord und Süd. Kolonnen von Lastzügen und PKWs breiten einen Teppich von Schäden aus. Lebensräume werden zu Transiträumen degradiert und Lebensinteressen der Bevölkerung den Wirtschaftsinteressen außerhalb der Alpen untergeordnet.
These 6
Trotz dieser Krisenlagen setzt eine kurzsichtige Politik noch immer auf Verkehrsförderung. Weiterhin werden Berge durchbohrt, Täler überbrückt und Lebensräume zerschnitten, obwohl wir heute wissen, dass Kapazitätserweiterung nichts anderes als noch mehr Verkehr produziert. Eine Umkehr ist dringend geboten: eine weitsichtige Politik muss eine Verminderung des Verkehrs, insbesondere des motorisierten, anstreben. Es gilt zu erkennen, wo der motorisierte Verkehr überhaupt ausgeschlossen werden soll.
These 7
Zugänglichkeit und Transit müssen in der Verkehrspolitik klar voneinander unterschieden werden. Die Zugänglichkeit ist heute für jeden Ort gewährleistet. Der Transitverkehr ist zu begrenzen und auf die Schiene zu verlagern, jeder weitere Ausbau von Transitstraßen ist zu unterlassen. Der Durchlässigkeit des Alpenraums müssen Grenzen gesetzt werden.
These 8
Umwelt-, Gesundheits- und soziale Kosten des Verkehrs dürfen nicht länger auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Dem Verursacherprinzip folgend, muss jedes Verkehrsmittel für seine Gesamtkosten, also auch für die Folgekosten, aufkommen. Dadurch werden die öffentlichen Verkehrsmittel dem motorisierten Privatverkehr gegenüber wieder konkurrenzfähig.
These 9
Umweltverträgliche Verkehrsarten müssen wirksam gefördert werden, damit sie eine echte Alternative darstellen. Kapazitäten und Angebot des öffentlichen Verkehrs sind auszubauen bei gleichzeitiger Reduktion der Kapazität des Straßenverkehrs. Fußgänger und Fahrradverkehr müssen attraktiver und sicherer gestaltet werden. Im Bereich des Tourismus sind umweltverträgliche Reiseangebote zu schaffen.
These 10
Geschwindigkeit muss gesenkt werden (z. B. 30 km/h innerorts, 80 km/h auf Landstraßen und 100 km/h auf Autobahnen). Langsamere Autos sind sicherer, verbrauchen weniger Energie und weniger Fläche, sie verursachen weniger Lärm und Schadstoffemissionen. Der Straßenraum ist so zu gestalten, dass sich niedrigere Geschwindigkeiten von selbst einstellen.
These 11
Die notwendigen Wege sind kurz zu halten. Raumordnung und Wirtschaftspolitik sollen darauf zielen, den für den Alltag notwendigen Aktionsraum zu verkleinern. Das Wohnumfeld ist zu verbessern und möglichst autofrei zu gestalten. Durchmischung und Verdichtung begründen Lebensqualität vor Ort und helfen, Zwangsmobilität zwischen Wohn-, Arbeits- und Konsumbereichen, sowie Verkehr in Naherholungsgebieten abzubauen.
These 12
Auf dem Wege zu einer gemächlicheren Gesellschaft werden wir neue Leitbilder brauchen. Weniger Motor verbindet sich mit Gelassenheit, mit mehr Wahrnehmung und mit intensiveren Erfahrungen. Dies bedeutet nicht Verzicht, sondern mehr Lebensqualität. Der Friede mit der Natur und die soziale Verantwortung werden daraus erwachsen.
Klaus Traube, Hans Peter Aubauer, Hermann Knoflacher waren einige der damals auftretenden Diskutanten.
Den Abschluss meines ersten Arbeitsjahres als Vorsitzender des Umweltkomitees bildete eine Diskussion über die Auswirkungen des Fremdenverkehrs auf die Umwelt, sowie die Vorbereitung eines CENIC-Seminars „Transnational Pollution“ über Umweltverschmutzung über die Grenzen innerhalb Europas. Dieses Seminar war für das Frühjahr 1987 geplant.
1986 musste ich das Umweltchemikaliengesetz (UVP-Gesetz 1986) begutachten, was ich mit Hilfe universitärer Kreise ganz gut hinbekam. Schwieriger und deprimierender war dann die vom Direktor der politischen Akademie, Andreas Khol, an mich in Auftrag gegebene vergleichende Studie über die österreichischen Tierschutzgesetze der einzelnen Bundesländer, der entsprechenden Europaratsabkommen, sowie dem „Washingtoner Artenschutzabkommen“. Etwa ein halbes Jahr benötigte ich für das Zusammentragen der einzelnen Gesetze und Abkommen, für das Vergleichen und Herausfiltern aller innerösterreichischen Verstöße gegen die internationalen Abkommen und das damals noch mühsame Tippen der fast 200 Seiten starken Studie, die niederschmetternde Resultate beinhaltete und ein sehr schlechtes Licht auf die österreichische Tier- und Artenschutzgesetzgebung warf.
Die anschließende „Audienz“ bei Khol lief fast noch schlimmer ab, als die ein paar Jahre vorher erlebte Begegnung mit dem ÖAAB-Granden Heinzinger. Wie ein Kaiser residierte Khol in dem schlossartigen Gebäude der Politischen Akademie. Vor seinem Büro ließ er mich mehr als eine halbe Stunde lang am Gang stehen, bis dann ein Lakai aus seinem Büro die Tür einen Spalt öffnete und mich ohne Worte hineinwinkte. Die ganze Inszenierung war so grotesk, dass der mich begleitende Sekretär kopfschüttelnd mir den Vortritt ließ, obwohl er mich ja vorstellen sollte. Die Leute dienerten vor Khol und ich gewann den Eindruck, dass jeder einzelne von ihnen permanent Angst um seinen Job haben musste. Viel später habe ich über ihn gelesen, seine Ahnen wären in Südtirol seit dem 8. Jahrhundert erbliche Richter gewesen. Wie auch immer, ich durfte also das geheiligte Büro betreten und wurde gleich einmal von Khol angeherrscht, was ich hier zu suchen habe. Von dem mich begleitenden Sekretär, immerhin Prof. Dr. Reinhold Christian, dem Studienleiter für Kommunalpolitik und Umweltschutz an der Politischen Akademie, wurde Khol darüber aufgeklärt, dass er selbst mir den Auftrag zu dieser Studie gegeben hatte und das Ergebnis jetzt einforderte. Sehr jovial meinte dieser, angesichts des riesigen Aktenpakets, es hätte sich sicher herausgestellt, dass die österreichischen Gesetze vollkommen in Ordnung wären und man nichts daran ändern müsse. Natürlich ritt mich, ob des seltsamen Empfanges, den ich gerade erlebt hatte, ein kleines Teufelchen. Ich erklärte ihm, dass sehr viele Verstöße gegen internationales Recht zu verzeichnen wären und vor allem anderen erlaubt das Tiroler Jagdgesetz, von Washingtoner Artenschutzabkommen streng geschützte Tierarten, ganz hinterwäldlerisch mit Fallen zu fangen und zu töten. Na, das glaubt er jetzt aber nicht, ich solle mir das noch einmal ansehen. Natürlich hatte ich genau dieses Gesetz als Beispiel vorbereitet und konnte es ihm brühwarm unter die Nase reiben. Ein mindestens 5 Minuten währendes eisiges Schweigen, während er las und dann: „Lassen Sie dem jungen Mann 500 öS auszahlen für seine Arbeit, aber den Schmarrn soll er gleich wieder mitnehmen!“
Was hatte ich erwartet? Er würde mir glücklich um den Hals fallen und womöglich alles daransetzen, dass die Fehler ausgemerzt würden und neue Gesetze dafür erlassen. Natürlich nicht, aber etwas Respekt hätte ich mir wegen des riesigen Arbeitsaufwandes schon erwartet. Eigentlich war 1986 schon klar, ich würde innerhalb der ÖVP niemals einen politischen bezahlten Job bekommen. Wenn ich damals schon gewusst hätte, dass dieser schwarze Professor es später möglich gemacht hat, Leute wie Haider groß werden zu lassen, ich hätte ihm die ganzen Gesetze an den Kopf geworfen!
Im Bundesjugendring hatte ich praktisch jede Woche eine Sitzung des Umweltkomitees zu leiten und einmal im Monat tagte das Präsidium und der Vorstand. Daneben hielt ich gegen Abend öfter in meinem Büro im Palais Todesco auf, wo ich alle diese Sitzungen mit Inhalt füllen musste, Strategien ausarbeitete und auch den einen oder anderen Auftrag von Othmar Karas auszuführen hatte.
So hatte ich das Umweltchemikaliengesetz (UVP-Gesetz 1986) zu begutachten. Eine Arbeit, die ich natürlich nur mit Experten von Greenpeace-Zeiten und anderen befreundeten Organisationen aus dem Umweltschutzbereich erfüllen konnte. Hanswerner Mackwitz, der mich schon bei Greenpeace unterstützt hatte und auch Prof. Dr. Reinhold Christian halfen mir bei den Formulierungen und so kam eine wirklich gute Stellungnahme dabei heraus, die für das letztendlich entstandene Gesetz, kaum mehr abgeändert werden musste.
Damals war auch der aufgedeckte Skandal um die Deponie in der Mitterndorfer Senke ein virulentes Thema. Die Mitterndorfer Senke ist eines der größten Grundwasservorkommen Europas, sie verläuft von Neunkirchen und dem Steinfeld im Süden über Ebreichsdorf, Mitterndorf bis Fischamend im Norden. Dieser rund 40 Km lange und 8 Km breite tektonische Grabenbruch wurde in der Eiszeit mit Schotter gefüllt und ist bis zu 150 Meter tief. Die Wasseroberfläche liegt etwa auf 200 m über dem Meeresspiegel und ist im größten Bereich also nahe dem Bodenniveau. Viele Wasserleitungsverbände an der Thermenlinie Wiener Neustadt, Baden, Mödling, Triesting Tal und der Wasserverband nördliches Burgenland beziehen hier ihr Trinkwasser und auch Wien ergänzt mit der Entnahme aus der Mitterndorfer Senke ihren Wasserbedarf in Verbrauchsspitzen. In den 1980er-Jahren wurden immer wieder Kontaminierungen von Teilen des Grundwassers festgestellt, die eindeutig auf die Fischer-Deponie zurückzuführen war. Die Fischerdeponie war eine, zum Grundwasser hin völlig ungeschützte 800.000 m³ Deponie in Theresienfeld inmitten dieses Grundwasserreservoirs. Hier wurden von 1972 an Fässer mit Industrie- und Gewerbemüll abgelagert, aber ob mit Wissen des Pächters Johann Fischer auch Giftfässer dort deponiert wurden, konnte zwar nicht endgültig geklärt werden, tatsächlich wurde aber 1982 festgestellt, dass chlorierte Kohlenwasserstoffe, vor allem Perchlorethylen, aus der Deponie das Grundwasser kontaminierte.
Meine Aufgabe war es, in den einzelnen Gemeinden Beweise zu sammeln, wo überall es zu Kontaminierungen gekommen war, sodass es den Behörden 1987 nach langem Rechtsstreit gelang, die Schließung der Fischer-Deponie durchzusetzen. Auch die anschließende Sanierung wurde noch 1987 eingeleitet. Fast eine Million Tonnen Bauschutt und Gewerbeabfälle, darunter über 40.000 Tonnen gefährlicher Abfälle und etwa 900.000 Tonnen verunreinigter Schotter mussten in den nächsten 18 Jahren in gesicherte Deponien verbracht werden. Die Räumung der Deponie wurde Ende 2005 abgeschlossen.
Ein weiteres Thema, zu dem ich beauftragt wurde Recherchen durchzuführen, waren die unzähligen Kleinkraftwerke, die zum Teil alte Wasserrechte nutzten, oder völlig rechtlos einfach betrieben. Wenige dieselbetriebene Kleinkraftwerke und auch einige Windkraftwerke zählten dazu. Da es in Österreich eine unglaubliche Menge solcher Kleinkraftwerke gibt, versprach das eine Monsteraufgabe zu werden. Ich traf mich mit einem der Wasserrebellen, der eigentlich mit den Behörden im Streit war und kam zu dem Schluss, dass auch diesen „Freibeutern“ geholfen werden muss. Bei diesem und anderen Gesprächen kam heraus, dass etwa die Hälfte aller Haushalte in Österreich von diesen Kleinkraftwerken ihren Strom beziehen und man, wollte man sie ersetzen, mindestens 6 große Wasserkraftwerke bauen müsste. Es war also ein hervorragendes Argument gegen den Bau des Kraftwerks bei Hainburg, wenn man die Kleinkraftwerke in Österreich, gegen den Widerstand der E-Wirtschaft, steuerlich begünstigte und auch sonst nach Kräften unterstützte. Entsprechende Argumente lieferte ich an die damalige Umweltministerin Fleming, mit der ich eine gute Gesprächsebene aufgebaut hatte.
Umweltticket im Jahr 1987?
Natürlich führte mich das zu einer Rechnung über die mögliche „kostenlose“ Benützung von Massenverkehrsmitteln (Bahn, Straßenbahn, Busse etc.) österreichweit. Meine Rechnung damals war, dass die, Anfang der 70er-Jahre eingeführte U-Bahnsteuer für alle Dienstnehmer von 10,-öS prozentual berechnet werden sollte und mit 2 % des Gehalts oder Lohns auf die Sozialversicherung aufgeschlagen werden sollte. Die Sozialversicherung sollte nach oben keine Deckelung erfahren, sondern mit 22% des Bruttolohns durchgehend für alle Gehälter eingehoben werden. Da gleichzeitig die Höchstpensionen auf einer bestimmten Höhe von etwa 50.000 öS beschränkt werden sollten, musste sich dadurch ein Überschuss zur Abdeckung des Bahndefizits und zur Renovierung der Bahnstrecken ergeben. Gleichzeitig würden Schaffner, Kontrollorgane etc. natürlich umgeschult werden und in anderen kommunalen oder staatlichen Stellen eingesetzt werden oder, wie es die Post oder Bahn damals schon gerne machte, einfach in Pension geschickt. Eine Milchmädchenrechnung? Nein, nicht wirklich! Mir standen damals die parlamentarischen und innerparteilichen Rechnungsbüros zur Verfügung, die alle Eventualitäten einberechnen konnten. Wie man heute weiß, ist das natürlich als zu monströs, in der Schublade verschwunden. Schade, denn die Auswirkungen auf den Autoverkehr hätte uns bis heute eine Menge CO2 erspart.
CENIC Seminar
„Transnational Pollution“in Strasbourg
Vom 6. bis 11. April 1987 war eine Delegation des ÖBJR von der europäischen Jugendorganisation CENYC eingeladen, an dem Seminar „Transnational Pollution“ in Strasbourg in Frankreich, teilzunehmen. Unsere Delegation bestand aus 4 Personen: Klaus Pahlich (Leiter der Delegation, JVP), Robert Hany-Schmatzberger (Naturfreundejugend NFJ), Hans-Christian Obernberger (BEJ, Burgenländische Evangelische Jugend) und Johann Schrammel (EJW, Evangelische Jugend Wien). Gleich beim ersten Leadership-Meeting am ersten Tag musste ich feststellen, dass das vorgegebene Programm in der geplanten Art und Weise nicht durchgeführt werden konnte, da fast alle Experten und Politiker, die eingeladen waren, wegen einer in Berlin stattfindenden, größeren Konkurrenzveranstaltung, abgesagt hatten. Andere Leute zu finden war wegen der kurzen Vorbereitungszeit unmöglich gewesen.
Das neue Programm sah nun eine recht interessante Konfrontation mit einem Abgeordneten der Regenbogenfraktion im Europaparlament vor, dann verschiedene, ganz gut gemachte Spiele, die den Wissensstand der TeilnehmerInnen erweitern sollten (und dann auch eine gute Diskussion in Gang setzte). Es folgte der Besuch der Debatte im Europaparlament über die Folgen von Tschernobyl, dann die Auseinandersetzung mit der Arbeit international tätiger Umweltschutzgruppen am Beispiel Greenpeace mit Monika Griefahn der Europachefin von Greenpeace International (die übrigens 3 Jahre später Umweltministerin von Niedersachsen wurde, als solche war sie von 1990 bis 1998 im Amt). Die Arbeit in den fünf Arbeitsgruppen, sowie die Herstellung einer Europakarte, auf die der Weg der grenzüberschreitenden Umweltverschmutzung eingezeichnet werden sollte, vervollständigte das Programm für die Woche.
Bram van der Lek, der Abgeordnete und die Europaparlamentsdebatte gaben uns dann ein sehr gutes Bild über die tatsächliche Situation nach der Tschernobyl-Katastrophe. Deutlich war zu erkennen, dass zu mindestens, auch bei engagierten Kernkraftwerksbefürwortern, ein Umdenken eingesetzt hatte und diese Leute nicht mehr den Eindruck hatten das einzig Richtige zu tun. Nur, der endgültige Ausstieg aus der Atomkraft mache eben große Probleme. Der Bericht der eingesetzten Kommission war dann für die Atomkraft niederschmetternd und ließ kaum Zweifel darüber aufkommen, dass Ähnliches und noch viel Schlimmeres auch im Westen geschehen könnte!
Nach der Diskussion wanderte ich ein wenig allein durch das Europaratsgebäude. Wir hatten alle einen Ausweis bekommen, der uns Zutritt zum ganzen Gebäude erlaubte und ich nützte die Gelegenheit mit einer Kamera bewaffnet durch die Gänge zu gehen und da und dort ein Foto zu machen. Am Weg traf ich auf Otto Habsburg-Lothringen, der als CSU-Mandatar im Europaparlament tätig war. Nicht wissend, dass es verboten war, Europaabgeordnete zu fotografieren, machte ich ein Foto von ihm, worauf mir Habsburg seine Schergen nachjagte. Es gelang mir gerade noch in einen Aufzug zu hüpfen und das Parlamentsgebäude eilig zu verlassen. Tatsächlich war es übrigens nicht verboten, Abgeordnete zu fotografieren!
Das weitere Programm war dann etwas verunglückt, da bedauerlicherweise zwei aus dem vierköpfigen Leadership Team erkrankt waren und daher zeitweise ihre Arbeitsgruppen nicht übernehmen konnten. Das hatte für mich eine nicht unwesentliche Mehrarbeit zur Folge, da ich nun zwei Arbeitskreise leiten musste.
Entgegen meinen Erwartungen gestaltete sich die Arbeit an der Europakarte als sehr fruchtbringend, sie den TeilnehmerInnen ein gutes Bild von der Vielzahl der Verschmutzungswege gab. Ein tatsächliches Bild konnte sie natürlich, mangels verifizierter Daten, nicht geben.
Was brachte das Seminar den teilnehmenden Personen, speziell auch den Österreichern? Interessanter Weise konnten wir feststellen, dass Österreich eine gewisse Beispielwirkung für die anderen Länder hatte. Der Ausbildungsstand Umweltproblemen und die Anwendungsmöglichkeiten sind in den meisten anderen Ländern verschwindend gering. Ereignisse wie die in Hainburg oder um Zwentendorf sind woanders undenkbar. Auch die Behandlung von Umweltthemen in der Schule ist in anderen Ländern nicht möglich und wir riefen höchstes Erstaunen hervor, als wir sagten, dass bei uns auch Projektunterricht mit Umweltaktionen in den Schulen möglich ist.
So kam es, dass einige Länder für die Zukunft z.B. die Einrichtung von Umweltkomitees planen und es in weiterer Folge zu einem Informationsaustausch zwischen diesen Komitees kommen solle. In insgesamt 87 Antworten auf 9 gestellte Fragen an die Arbeitsgruppen, waren eine Fülle von Ideen enthalten, wie CENYC und die nationalen Jugendorganisationen in der Zukunft Umweltschutz betreiben sollen.
Von Monika Griefahn, die ich 5 Jahre vorher in Greenpeace-Zeiten in Hamburg besucht hatte, wurde ich angesprochen, ob ich vielleicht Greenpeace Österreich wieder übernehmen möchte, da diese Gruppe unter Zalosiecky zu dieser Zeit einen üblen Niedergang zu verzeichnen hatte. Da ich allerdings schon gut im Zeitungsgeschäft verankert war und beim Pressepersonal sehr gut verdiente, habe ich ihr abgesagt. Greenpeace Österreich ist von selbst wieder stark geworden!
Besonders hervorzuheben wäre noch das Österreicher Zimmer im Europahaus der Jugend, das von den Seminar Teilnehmerinnen sehr häufig benützt und als sehr gemütlich eingestuft wurde. Wir Österreicher haben die ganze Gruppe an einem Abend eingeladen. In einem riesigen Topf in der Großküche des Hauses habe ich eine Pfirsich-Bowle für alle etwa 50 TeilnehmerInnen zusammengebraut: 5 Flaschen Champagner (Sekt war in Frankreich nicht aufzutreiben…), die wir am Vormittag in einem Supermarkt in der Nähe eingekauft hatten, machte die Bowle sehr spritzig und die 25 Liter waren sehr schnell ausgetrunken! Mit Hilfe des Küchenpersonals habe ich auch ein Rindsgulasch gekocht, 10 Kg Zwiebel und eben so viel Rindsgulaschfleisch mit gefühlt einem halben Kilo Paprika, kochte etwa 2 Stunden in einem riesigen Kessel und ist überraschend gut gelungen und von den TeilnehmerInnen restlos verputzt worden!
Auf die Leistung der österreichischen Teilnehmer möchte ich auch noch hinweisen, die mit ihrem Beitrag wesentlich zum Gelingen des Seminars beigetragen haben: Hans-Christian, der sowohl fachlich sehr versiert war, als auch in den Abend- und Nachtstunden durch seine Simultanübersetzungen glänzte, Robert, der seinen enormen Wissensvorsprung einbringen konnte (er studierte technischen Umweltschutz) und auch Hans, der in den letzten Tagen den schulischen Aspekt einbrachte.
Erfindung der E-Card
Anfang der 1980er-Jahre wurde in Österreich die Bankomatkarte eingeführt. Damals waren noch nicht sehr viele Menschen damit unterwegs, man zahlte mit Schecks und Bargeld. Für Reisen war es damals auch nicht praktisch genug, da es zum Beispiel in den östlichen Ländern noch kaum Bankomaten gab. Man wechselte Bargeld aus dem jeweiligen Zielland auf der Bank ein oder beschaffte sich Reiseschecks. Ein weiteres Problem waren Krankenscheine, die auch extra für die jeweiligen Zielorte ausgestellt werden mussten. Ich hatte mir damals zur Aufgabe gemacht, wesentliche Dinge, die das Leben erleichtern könnten, anzudenken und mit den richtigen Leuten zu besprechen Anfang 1987 habe ich mich, im Auftrag von Marlies Flemming, die drei Monate lang das Gesundheitsressort interimistisch innehatte, mit einem praktischen Arzt im 3. Bezirk beraten, wie man Krankenscheine und Bankomatkarte kombinieren könnte. Die Idee war, dass der Lesestreifen auf der Bankomatkarte vielleicht einer vielfältigeren Verwendung zugeführt werden könnte. Lästig waren die Krankenscheine, auf die man vor jedem Arztbesuch Name, Adresse und Sozialversicherungsnummer schreiben musste. Ein Arztwechsel war damit fast unmöglich, da man die Krankenscheine beim Dienstgeber bestellen musste, wodurch dieser von vornherein Bescheid wusste, dass man in Krankenstand zu gehen gedenkt. Die Sammlung und Abrechnung der Krankenscheine war für viele praktische Ärzte ein wachsendes Problem. Ich ging mit dem Arzt im 3. Bezirk alle möglichen Daten durch, die wir auf dieser Karte gespeichert haben wollten und wir versuchten mit der Beantwortung der 12 Fragen diese Chipkarten für das Gesundheitsministerium aufzubereiten:
1. Ist es geplant, künftig auf der Chipkarte Gesundheitsdaten zu speichern oder dem behandelnden Arzt sonst wie den Zugang zu Gesundheitsdaten zu ermöglichen?
2. Erfolgt nach Einführung der Chipkarte die Abrechnung der Arzthonorare zwischen den Ärzten und den Krankenkassen über die Chipkarte?
3. Ist es geplant, patientenbezogene Daten auf der Chipkarte zu speichern? Wenn ja, welche?
4. Wie kann man für die Krankenkassen die Kontrolle über die Anzahl der Arztbesuche des jeweiligen Patienten durch die Chipkarte verbessern?
5. Darf der Patient auch mit der Chipkarte während des laufenden Quartals den praktischen Arzt nicht wechseln und nur einen Facharzt pro Fach konsultieren?
6. Wie hoch ist bisher der Anteil der Patienten, die während eines laufenden Quartals den Arzt wechseln und wie hoch sind die dadurch verursachten Kosten jährlich?
7. Ist der Missbrauch der Chipkarte durch Nichtversicherte möglich und durch welche Sicherheitsvorkehrungen kann er verhindert werden?
8. Ist die Abschaffung des Krankenscheins auch ohne Einführung der Chipkarte möglich?
9. Wie hoch wären die Einsparungen durch Abschaffung der Krankenscheine, wenn stattdessen eine Sozialversicherungskarte (eventuell in Verbindung mit einem Lichtbildausweis) als Versicherungsnachweis beim Arzt vorgezeigt wird?
10. Wie hoch würden Sie die geschätzten Mehrkosten beziffern, die durch den Wegfall des Krankenscheines (ohne Einführung der Chipkarte) und die damit verbundenen und befürchteten Arztwechsel oder Mehrfach – Arztbesuche, während des laufenden Quartals, entstehen?
11. Wie hoch sind die Gesamt – Einführungskosten der Chipkarte und wer hat diese Kosten zu tragen?
12. Wie hoch sind voraussichtlich die in weiterer Folge entstehenden, jährlichen Kosten?
Es war uns klar, dass wir damit eine Lawine lostreten würden, aber die Zeit war reif! Natürlich wanderte dieses Projekt vorerst ebenfalls in eine Schublade, da das Gesundheitsressort ab 1. April 1987 Franz Löschnak von der SPÖ übernahm und das ebenfalls in Frage kommende Sozialministerium von Alfred Dallinger besetzt war und wir eigentlich keine Lust hatten, für den Regierungspartner zu arbeiten. Aber „Überraschung!“ schon 1993/1994, also knapp 6 Jahre, nach unserer Studie, startete dieser Arzt zusammen mit 2 anderen Kollegen einen Feldversuch mit ca. 4000 Chipkarten für deren Patienten. Auf Basis der Erfahrungen daraus wurde 1996 der Sozialminister Josef Hesoun (SPÖ) ersucht, ein Chipkartensystem einzurichten. Das einschlägige Gesetz erschien 1999. Ab 2005 wurden die Krankenscheine und Zahnscheine und alle anderen Versicherungsnachweise auf Papier, durch die e-card ersetzt. Dadurch entfallen jährlich etwa 40 Millionen Krankenscheine, die nicht mehr ausgestellt und zum Teil händisch ausgefüllt werden müssen. Da ich 1992 aus der ÖVP und damit aus der Politik ausgestiegen bin, hatte ich natürlich keinen Anteil mehr daran.
1987 Fahrt mit ÖBJR nach Ungarn, Besuch von Nationalparks in der Gegend von Szarvas
Das Umweltkomitee im Bundesjugendring arbeitete verschiedene Besuche in einigen Ländern in der Umgebung Österreichs aus. Meine Aufgabe dabei war die Leitung und Koordination dieser Fahrten. Im Sommer 1987 fuhren wir nach Ungarn und besuchten den Nationalpark Szarvas sörfözde. Wir versuchten mit den ungarischen Behörden Gespräche anzubahnen, um einen grenzüberschreitenden Nationalpark Neusiedlersee zu erreichen. Die Ungarn nahmen das sehr ernst und luden uns zur Besichtigung von verschiedenen Besonderheiten ein: Man zeigte uns die kleinsten, noch als Bäume geltende Pflanzen, die angeblich nur in Ungarn vorkommen, dann eine besondere Eichenart, die nur nahe am Wasser vorkommt und eine Karpfenzuchtanlage bei Szarvas. In Szarvas übernachteten wir einige Tage in speziellen hölzernen Zelten, übrigens jeder von den vier Teilnehmern aus Österreich war in einem eigenen Holzhaus untergebracht. Auch wurde jedem Teilnehmer eine junge Frau als Übersetzerin zugeteilt, die uns dann den ganzen Tag auch begleitete.
Im Oktober 1987 fuhr ich zu den Hintersteiner Gesprächen, bei denen es um das Wassermanagement und die Reinhaltung der Seen im Alpenbereich ging. Dort traf ich den späteren EU-Kommissar Franz Fischler, damals noch Tiroler Landesrat für Land- und Forstwirtschaft mit dem ich einige gute Gespräche hatte. Wie wichtig es war, darüber zu sprechen, zeigte der Hintersteiner See, der uns an dem Wochenende einen weißen Schaumring zeigte, den ich für die Nachwelt mit einem Foto aufbewahrt habe. Heute hat der Hintersteiner See erstklassige Trinkwasserqualität!
Der nächste Bereich, meiner politischen Tätigkeit war der Protest gegen den geplanten Bau eines Kraftwerks im Thayatal beim Stierfelsen, oberhalb von Znojmo nad Dyji. Da hier auch österreichisches Staatsgebiet betroffen war, fürchtete ich, dass dieses Kraftwerk eine negative Beeinflussung der Verhandlungen über den Nationalpark Donau-March-Thayatal darstellen könnte. Während sich die Verhandlungen darüber in die Länge zogen, begann sich der Naturschutz in beiden Ländern durchzusetzen und anstelle des Kraftwerks entstanden zwei Nationalparks: Der Nationalpark Thayatal in Niederösterreich und der Narodní Park Podyjí in Südmähren.
Um das Nationalparkprojekt Donauauen voran zu treiben organisierte ich mit dem Umweltkomitee des Bundesjugendrings 1989 eine Donauauenbegehung mit Wissenschaftlern, dem WWF, Parlamentariern, Beamten der Bundesforste, der Umweltministerin Flemming, einigen Journalist:Innen von der Presse, der Krone, dem Kurier und dem ORF.
Es dauerte dann zwar noch bis 8.04.1998, wo mit der NÖ Verordnung über die Kennzeichnung des Nationalparks Donau-Auen, NÖ LGBl. 5505/2-0, die rechtlichen Grundlagen für den Nationalpark Donau-Auen perfekt waren.
Vom 27. bis 29. November 1989 fuhr ich wieder zum Council of Europe nach Strasbourg.
Auch beim Studium ging einiges weiter, so konnte ich Professor Ehrendorfer, den gefürchteten Botanik Professor, davon überzeugen, dass es Sinn machte, bevor niemand an dem „Colloquy on the Conservation of wild Progenitors of Cultivated Plants“ beim Europarat in Strasbourg aus Österreich teilnahm, mich dorthin zu schicken. Finanziert wurde es vom Bundesjugendring und der Universität und ich fuhr nach Strasbourg. Viel konnte ich nicht beitragen, aber ich lernte eine Menge Leute kennen, sammelte alles, was an Informationen auflag und schrieb Unmengen mit. Ich sammelte Adressen von einigen wichtigen Teilnehmern, wurde nach Israel, Deutschland, USA und Schweden eingeladen. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt das Biologiestudium schon absolviert, wäre noch viel mehr möglich gewesen. So wurde immerhin mein großes Interesse anerkannt, das anscheinend so von österreichischer Seite nicht erwartet worden war, war ich doch seit langem der erste österreichische Teilnehmer an diesem Kolloquium.
Zurück in Wien suchte ich Prof. Ehrendorfer auf und überbrachte ihm meine gesammelten Werke, viele Grüße von ausländischen Kollegen, unter anderen von Prof.Dr. Werner Plarre, einem deutschen Agrarwissenschaftler, mit dem ich mich gut unterhalten hatte, und gab natürlich die an mich gerichteten Einladungen an Prof. Ehrendorfer weiter. Est brachte mir eine gute Note bei ihm ein, ich schrieb einen Bericht für den Bundesjugendring und bekam sogar eine Aufwandsentschädigung für die gesamte Aktion.
1990 April die Organisation und Teilnahme im Leadership Team an der „Danube Eco Cruise“
Diese aufwendige und auch auffällige Schifffahrt startete vom Flugplatz Wien Schwechat, mit einem Flug nach Sofia. Von Sofia wurden wir mit einem Bus nach Russe gebracht, einer Stadt an der Donau, wo das Kreuzfahrtschiff MS Sofia vor Anker lag. Veranstaltet vom Österreichischen Bundesjugendring und von der bulgarischen Jugendorganisation, sollten 200 junge Menschen aus ganz Europa, in einem Art Ost-West-Dialog, in 18 Tagen, von Izmail in der Ukraine bis Linz in Österreich fahren. Mit dabei waren Journalisten, Filmteams, ein Labor mit einem Team von ChemikerInnen, die an verschiedenen Stellen der Donau Proben des Donauwassers nehmen sollten, ein Team von kundigen Zeitungsherstellern, die einen größeren Drucker dafür verwenden sollten, eine Tageszeitung für die Zeit der Schiffsreise zu erstellen und auch eine Reihe JugendpolitikerInnen, die Kontakte zu örtlichen Politikern an den verschiedenen Anlegestellen knüpfen sollten.
Ziel der Reise war es das Verständnis der jungen Leute bezüglich Ökologie, Kultur und Wissenschaft zu fördern. Die erste Station war die damals noch sowjetische Kleinstadt Izmail in der Ukraine, am Beginn des Donaudeltas. Wir wurden von hunderten Schaulustigen empfangen, am Hafengebäude war ein riesiges Transparent aufgespannt mit der Aufschrift „WELCOME MEMBERS OF THE INTERNATIONAL ECOLOGICAL CRUISE“. Die Menschen erzählten uns ihre Sorgen über das, in den letzten Jahren immer häufiger verschmutzte Donauwasser, dass es in Ufernähe immer weniger Fische gibt und die Luft in der Stadt immer schlechter würde. Der frisch gewählte Umweltbeauftragte der Stadt wies als größten Umweltverschmutzer das Zellstoffkombinat aus. Die beigestellte Übersetzerin führte die sehr einsilbigen Worte des Umweltbeauftragten sehr wortreich aus und meinte, dass die schädlichen Gifte in einem Plan bis zum Jahr 2000 liquidiert werden sollen. Der arme Beauftragte meinte dann noch, dass man für die Lösung der Probleme etwa 30 Millionen Rubel brauchen werde. Da die Stadt diese Mittel natürlich nicht hat, werden die Verschmutzer mit hohen Strafen belegt, um das Geld für die Sanierung hereinzubekommen. Es wurden am Hafen noch 2 Bäume gepflanzt und Brot gebrochen und dann ging es weiter zur nächsten Station, zurück nach Russe, der Geburtsstadt von Elias Canetti und der Umweltorganisation „Ökoglasnost“.
Von der mitreisenden Aktivistin dieser Organisation, Veselina Vangelova, erfuhren wir, dass das Hauptziel dieser Organisation die Eindämmung der industriellen Umweltverschmutzung ist. Wir versuchen, zusammen mit der bulgarischen Journalistin Ralitsa Vassilova unangemeldet die Lederfabrik Prista zu besuchen, die laut Veselina seit Monaten ihre giftigen Abwässer in die Donau fließen lässt, weil die Kläranlage ausgefallen ist.
Beim Besuch der Lederfabrik wird uns erklärt, die Kläranlage würde einwandfrei funktionieren und es wurde uns genau erklärt, wie sie funktioniert. Naja, die Bilder vor Ort sprachen eine ganz andere Sprache: Am Boden standen stinkende Lacken, in dünnen Rinnsalen floss das Abwasser hinunter zur Kläranlage, zwischen dieser und der Fabrik befanden sich Bahngeleise und am Bahndamm staute sich die Kloake. Einen Durchfluss zur Kläranlage konnten wir nicht erkennen. (2 Bilder)
Als nächstes führte uns Veselina in die Fleischfabrik Rutopa. Hier werden die in Bulgarien beliebten Lukanka-Salamis hergestellt. Das Abwasser dieser Fleischfabrik geht zu 100% ungeklärt in die Donau! Eine Kläranlage werde gerade gebaut und sollte noch im gleichen Jahr in Betrieb gehen…
Albena Arnandova, eine Journalistin aus Sofia, führt uns zu einer Chemiefabrik, in der hauptsächlich Teer hergestellt wurde. Wegen fehlender Filteranlagen wurde die Stadtluft von Russe übermäßig belastet. Ökoglasnost gelang eine andere Chemiefabrik auf der anderen Seite der Donau zu schließen. Schließungen von Produktionsstätten sind ein zunehmendes wirtschaftliches Problem. Wird eine Firma geschlossen, weil es keine Filteranlagen hat, wird die Produktion auf andere Chemiefabriken aufgeteilt, die auch keine Filteranlagen hat. Die angestellten Menschen müssen dann weitere Wege zur Arbeit in Kauf nehmen oder werden arbeitslos, die Abgase bleiben aber unverändert.
Weiter ging unsere Fahrt auf der Donau, vorbei an langgestreckten Auen mit Inseln und kleinen Teichen, die sich bei den wiederkehrenden Hochwässern gebildet haben. Das Leben an Bord besteht für manche der Mitfahrenden aus Liegen an Deck in der bereits ziemlich warmen Sonne. Mit dem Wetter hatten wir fast die gesamten 3 Wochen Glück.
In der Nacht produzierte ein österreichisches Team unter meiner Leitung, mit Hilfe einer Schreibmaschine, einem Fotolabor und einem Laserprinter eine Tageszeitung, mit Berichten über die Landgänge und das Bordleben. Abends gibt es verschiedene Veranstaltungen, wie bulgarische Volkstänze, oder einem von mir geleitenden Walzertanzkurs.
Hatten wir geglaubt, dass es in Bulgarien kaum zu überbietende Verschmutzung und Umweltkatastrophen zu beobachten gab, so konnten wir uns bald davon überzeugen, dass es in Rumänien noch viel schlimmer war. Das Schiff fuhr weiter Donauaufwärts, die nächste Station sollte die Rumänische Stadt Turnu Severin sein. Schon viele Kilometer bevor wir die Stadt erreichten, konnten wir dunkle Rauchschwaden sehen, die sich über die Donau ausbreiteten. Die zwei, drei Stunden, die wir dort ausgestiegen sind, haben uns gezeigt, wie schrecklich die Menschen dort leben mussten. Ein Schwarm barfüßiger Kinder, mit abgerissener Kleidung liefen uns nach und bettelten um alles was wir entbehren konnten. Kaum Luft bekommend, zogen wir uns eilends wieder auf das Schiff zurück. Glücklicherweise war hier kein langer Aufenthalt geplant.
Die Donau aufwärts hatten wir viele Stationen, nahmen Wasserproben und analysierten sie in unserem Bordlabor. Sowohl die Österreicher als auch die Schweizer waren sehr interessiert an den Ergebnissen. Interessant war auch, dass es an Bord zwischen den kroatischen, serbischen, slowenischen und slowakischen Gruppen eines Tages zu Handgreiflichkeiten kam, die ich, zusammen mit einigen Schweizern und Bulgaren glücklicher Weise wieder, zu mindestens für die Zeit bis zum Ende der Schifffahrt, wieder beruhigen konnte. Nicht einmal ein Jahr später, im März 1991 sollte der Kroatienkrieg ausbrechen, auch als „Großserbische Aggression“ bekannt, der bis 1995 in Osteuropa, vor allem in den Nachfolgestaaten des zerfallenden Jugoslawien, bis an die Grenze Österreichs, tobte.
Für mich war es wichtig, dass ich sehr viele Menschen kennen gelernt hatte, vor allem Bulgarinnen, wie Annette Kalnieva und Madlena Komitova, die drei Jahre später sehr wichtig für mich werden sollten.
Juli 1991 Organisation und Leitung einer Enquete zum Thema „Washingtoner Artenschutzabkommen“
Im Bereich der Politik hatte ich noch sehr viel zu lernen. Das trat zu Tage als ich im Juli 1991 das erste Mal eine größere Enquete zu leiten hatte. Organisation und Gesprächsführung in kleinem Kreis, also maximal 12 Leute vor denen ich sprechen musste, waren durch die Umwelt Komitee Sitzungen kein Problem mehr, anders dagegen war es bei einer Enquete, die wichtig geworden war, zum Thema „Washingtoner Artenschutzabkommen“. Fachlich war das kein Problem, hatte ich doch schon vorher 1986 für Andreas Khol die Tier- und Artenschutzgesetzgebung von Österreich und dem Ausland durchforstet, mein Problem war der Auftritt vor weit über 100 Leuten, PolitikerInnen, Experten, Journalisten und Jugendlichen, bei dem ich einleitende Worte zu sprechen, die Experten und die Nationalratsabgeordneten vorzustellen hatte. Dummer Weise habe ich vor lauter Aufregung vorher nicht alles auf einen Zettel geschrieben. So kam ich schrecklich ins stottern und musste von der Bundesjugendring-Vorsitzenden gerettet werden. Naja…
Vom 3. bis 14. Juni 1992 sollte in Rio de Janeiro eine Umweltkonferenz stattfinden. Als Leiter des Umweltkomitees des Bundesjugendrings musste ich die1991 startenden Vorbereitungsgespräche für die UNCED 2000
(https://www.un.org/en/conferences/environment/rio1992), zusammen mit der Umweltministerin Marlies Flemming, organisieren.
Kurz davor, im Frühjahr 1992, sollte eine Jugend-Umweltkonferenz in Costa Rica stattfinden. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ein sehr gutes Einfernehmen mit Marlies Flemming, die mir für die Vorbereitungsgespräche in Wien und Berlin freie Hand ließ. Auch stellte sie mir in Aussicht, dass ich zur Jugend-Umweltkonferenz nach Costa Rica fliegen darf, um sie dort zu vertreten.
Wien war kein Problem, da hatte ich noch alle Unterstützungen von Flemming und dem Bundesjugendring. In Berlin musste ich leider meine Pläne mit Costa Rica begraben, da am 5. März 1991 Marlies Flemming zurücktreten musste. (wegen der fehlenden Meldung ihrer Beteiligung an der Filmproduktionsfirma ihres Mannes an den Unvereinbarkeitsausschuss).
Weder ihre Nachfolgerin Feldgrill-Zankl, die bis November 1992 das Umweltministerium geleitet hat, als auch deren Nachfolgerin Maria Rauch-Kallat, hatten für solche Kleinigkeiten, wie die UNCED 2000 das nötige Interesse und Wissen, mich bei meinen Arbeiten zu unterstützen, ich hatte auch überhaupt keinen Draht zu diesen beiden Damen, weder kannte ich sie, noch (was viel wichtiger gewesen wäre) kannten sie mich. Jetzt waren nur noch zwei Menschen in der ÖVP, die mich dort hielten: Othmar Karas und Erhard Busek, der im Juli 1991 zum Vizekanzler der Republik ernannt wurde.
Zu der Zeit ereilte mich ein Anruf von Annette Kalnieva, der Bulgarin, die ich auf der Ökodonauschifffahrt besser kennen gelernt hatte. Sie fragte mich, ob es mir möglich wäre, zusammen mit einem englischsprachigen Chefredakteur, Geoffrey Weston, eine Broschüre herauszugeben: „Action for a Blue Danube“. Es wäre zwar nur ein 24seitiges Heft, aber ich solle der UNO ein Angebot machen, es könnte dann vielleicht ein Nachfolgeauftrag kommen. Mit dem Schuldenberg im Rücken konnte ich nur ja sagen dazu. Es hat dann hervorragend geklappt und der Chef der Protection Coordination Unit in der UNO machte einen Vertrag mit mir als Artdirector und Publisher für das UNO-Projekt RER/91/G31 Danube Watch.
Arbeitsmäßig ging es bergauf: Der Auftrag der UNO mit bis zu 4 Zeitungen pro Jahr sanierte mich allmählich und ich konnte die Danube Watch bis 1998 fortsetzen.
Der dritte Teil von 1998 bis heute ist in Arbeit!

